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Warum Führungskräfte heimlich Pilze nehmen

  • 10. Mai
  • 6 Min. Lesezeit

TABU | LEADERSHIP | BEWUSSTSEIN & TRANSFORMATION

Warum Führungskräfte heimlich Fliegenpilze nehmen — und was das über die stille Krise unserer Leistungselite verrät


Sie sitzen in Aufsichtsräten, leiten Unternehmen, treffen Entscheidungen, die tausende Existenzen berühren. Und manche von ihnen kommen zu mir, um in einem Retreat mit Amanita muscaria — dem Fliegenpilz — in Kontakt mit dem zu gehen, was in ihrem normalen Leben keinen Platz hat. Ein Bericht aus der Praxis. Kein Urteil. Nur Wahrheit.


Von Pierre Aurel | High Performance Coach, Retreat-Leiter & Experte für psychedelisch-assistierte Transformation

Lesezeit: ca. 10 Minuten

 

Er trägt einen Anzug, der mehr kostet als mein erstes Auto. Er leitet ein Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern. Er ist verheiratet, hat drei Kinder, wird in seiner Branche als Vorbild gesehen. Und er sitzt mir gegenüber in einem Holzhaus in den bayerischen Alpen, atmet tief durch und sagt: "Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wenn ich nicht arbeite."

Er ist nicht der erste. Er wird nicht der letzte sein.

In den letzten Jahren habe ich ein Muster beobachtet, das mich zunächst überrascht hat und das mich heute nicht mehr überrascht: Es sind nicht die gescheiterten Menschen, die zu meinen Retreats kommen. Es sind die erfolgreichen. Die, die nach außen hin alles haben. Die, die funktionieren — und die innerlich bereits lange nicht mehr wissen, warum.

Und ein wachsender Teil von ihnen fragt nach dem Fliegenpilz.


"Es sind nicht die gescheiterten Menschen, die zu mir kommen. Es sind die erfolgreichen. Die, die alles haben — und innerlich schon lange nicht mehr wissen, wer sie sind."


Amanita muscaria: Was es ist und was es nicht ist

Lass mich an dieser Stelle präzise sein, weil Präzision hier zählt.

Der Fliegenpilz — Amanita muscaria — ist kein klassisches Psychedelikum im Sinne von Psilocybin oder LSD. Er wirkt nicht über Serotonin-Rezeptoren, sondern primär über das GABA-System und muscarinerge Acetylcholin-Rezeptoren. Der psychoaktive Wirkstoff ist Ibotensäure, die sich durch Trocknung in Muscimol umwandelt. Das Erlebnis ist fundamentally anders: träumerisch, dissoziativ, häufig mit tiefen Bewusstseinszuständen verbunden, die manche als hypnagog beschreiben — an der Grenze zwischen Wachen und Schlafen.

Amanita muscaria ist in Deutschland nicht verboten. Es ist eine der ältesten rituell verwendeten Substanzen der Menschheit, mit nachweisbaren Spuren in sibirischen Schamanentradition, nordeuropäischen Kulturen und möglicherweise indoiranischen Soma-Ritualen. Die Substanz ist komplex, sie verlangt Respekt und Vorbereitung — und sie ist in keiner Weise mit der populären Darstellung des "giftigen Pilzes" gleichzusetzen, wenn sie korrekt aufbereitet und dosiert wird.

Ich lege Wert auf diese Klarheit, weil ich nicht im Ungefähren arbeite. Was ich in meinen Retreats anbiete, ist strukturiert, vorbereitet, begleitet. Die Teilnehmer wissen, was sie nehmen. Sie haben Vorbereitungsgespräche absolviert. Sie sind in einem sicheren Rahmen.


WICHTIGER HINWEIS:  Amanita muscaria-Retreats sind kein Ersatz für psychotherapeutische oder medizinische Behandlung. Dieser Artikel beschreibt Beobachtungen aus der Retreat-Praxis, keine medizinischen Empfehlungen. Die Arbeit mit psychoaktiven Substanzen erfordert sorgfältige Vorbereitung, professionelle Begleitung und vollständige Freiwilligkeit.


Die Erschöpfung hinter der Fassade

Warum kommen Führungskräfte zu einem Fliegenpilz-Retreat?

Die einfache Antwort wäre: wegen Neugier, wegen Trend, wegen des Versprechens einer außergewöhnlichen Erfahrung. Aber das wäre zu kurz gedacht. Was ich in meiner Praxis immer wieder beobachte, ist tiefer.

Der klassische Hochleister hat gelernt, zu funktionieren. Er hat jahrzehntelang trainiert, Emotionen zu managen, Unsicherheit zu überbrücken, Schwäche zu verbergen. Er ist gut darin. Er ist so gut darin, dass er irgendwann vergessen hat, wie es sich anfühlt, einfach zu sein — ohne Agenda, ohne Leistung, ohne Erwartung.

Das schafft eine spezifische Art von Einsamkeit. Keine äußere — die meisten dieser Menschen sind sozial eingebettet, haben Familie, Netzwerke, Mitarbeiter. Es ist eine innere Einsamkeit: die Unfähigkeit, sich selbst zu begegnen, ohne die Rolle, die man spielt.

Was mich zum Fliegenpilz bringt — nicht als Lösung, sondern als Möglichkeit.


Ein Teilnehmer, Unternehmer, 51 Jahre, nach dem Retreat:

„Ich hab in dieser Nacht zum ersten Mal seit vielleicht zwanzig Jahren geweint. Nicht aus Trauer. Einfach so. Und am nächsten Morgen war da eine Stille, die ich nicht kannte. Die wollte ich nicht mehr verlieren."


Was in einem Retreat wirklich passiert

Ich werde hier nicht jeden Schritt beschreiben — nicht weil es Geheimnisse gibt, sondern weil ein Retreat ein lebendiger Prozess ist, der sich jedem Teilnehmer anders zeigt. Aber ich kann die Struktur beschreiben.

Vor dem Retreat: Mehrere Vorbereitungsgespräche. Ich lerne die Person kennen — ihre Geschichte, ihre Themen, ihre Absichten. Wer aus Sensationslust kommt, wird abgewiesen. Wer bereit ist, sich wirklich zu begegnen, wird eingeladen.

Während des Retreats: Ein sorgfältig gewählter Ort in der Natur. Stille. Kein Telefon, kein Input von außen. Atemarbeit zur Vorbereitung des Nervensystems. Die Einnahme in einem rituellen Rahmen. Und dann: Begleitung. Ich bin die gesamte Zeit anwesend. Nicht als Erklärer oder Therapeut, sondern als ruhige Präsenz.

Nach dem Retreat: Ein ausführliches Integrationsgespräch — oft das wichtigste Element des gesamten Prozesses. Eine Erfahrung, die nicht integriert wird, bleibt ein Erlebnis. Integration macht daraus eine Transformation.


"Eine Erfahrung, die nicht integriert wird, bleibt ein Erlebnis. Erst die Integration macht daraus eine echte Transformation."


Was sich verändert — und was nicht

Ich möchte hier ehrlich sein, weil Ehrlichkeit das ist, was diesem Thema fehlt.

Nicht jeder Retreat verändert alles. Nicht jede Erfahrung ist tiefgreifend. Es gibt Teilnehmer, die danach sagen: "Das war seltsam und schön — aber ich bin dieselbe Person." Das ist eine valide Antwort.

Und dann gibt es die anderen.


Eine Teilnehmerin, Geschäftsführerin, 46 Jahre, drei Monate nach dem Retreat:

„Ich habe mein Unternehmen nicht verkauft, ich habe mein Leben nicht umgeworfen. Aber ich führe anders. Ich höre zu, wo ich früher schon beim Antworten war. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll — ich bin irgendwie mehr bei mir."


Ein Teilnehmer, Investor, 38 Jahre, sechs Wochen nach dem Retreat:

„Die erste Woche danach war schwer. Ich hab viel nachgedacht, viel geschwiegen. Meine Frau hat gefragt, was los ist. Ich hab gesagt: nichts. Aber es war das Gegenteil — es war endlich etwas. Ich hab angefangen zu verstehen, warum ich tue, was ich tue. Das hat sich verändert."


Was ich nach Jahren in dieser Arbeit sagen kann: Der Fliegenpilz ist kein Reparaturwerkzeug. Er öffnet keine Türen, die man nicht selbst durchschreiten möchte. Aber für Menschen, die bereit sind — die wirklich bereit sind — kann er eine Begegnung mit sich selbst ermöglichen, die auf anderen Wegen schwer zugänglich ist.


Das Tabu und sein Preis

Es gibt einen Grund, warum ich keine Namen nenne. Und warum die Menschen, mit denen ich arbeite, nicht darüber sprechen.

Das Tabu rund um psychoaktive Substanzen ist real, auch wenn Amanita muscaria legal ist. Ein Unternehmer, der öffentlich über ein Pilz-Retreat spricht, riskiert Reaktionen, die er sich in seiner Position nicht leisten möchte — von Geschäftspartnern, von Investoren, von Medien.

Das ist ein Problem. Nicht für die Einzelnen, die ihren Weg gehen — heimlich oder nicht. Es ist ein gesellschaftliches Problem.

Denn was diese Menschen in meinen Retreats suchen, ist nichts anderes als das, was jeder Mensch sucht: Kontakt mit sich selbst. Sinn. Das Gefühl, mehr zu sein als die Rolle, die man spielt. Das ist kein Randphänomen. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis — das in unserer Leistungsgesellschaft systematisch unterdrückt wird.

Die Tatsache, dass ausgerechnet die Erfolgreichsten unter uns diesen Weg heimlich gehen müssen, sagt mehr über unsere Kultur aus als über die Menschen, die ihn gehen.


"Was diese Menschen suchen, ist kein Eskapismus. Es ist die Suche nach Kontakt — mit sich selbst, mit dem, was wirklich zählt. Das ist kein Randphänomen. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis."


Warum ich diese Arbeit mache

Ich werde gefragt, warum ich als Coach, der Führungskräften hilft, leistungsfähiger zu werden, auch Retreats mit psychoaktiven Substanzen anbiete. Die Frage impliziert einen Widerspruch, den ich nicht sehe.

High Performance — echte, nachhaltige, menschliche Hochleistung — hat eine innere Dimension, die sich durch kein Optimierungssystem der Welt vollständig adressieren lässt. Breathwork, Biohacking, Schlafoptimierung, Ernährung — all das sind wertvolle Werkzeuge. Aber manchmal steht ein Mensch vor einer Schwelle, hinter der kein Protokoll mehr greift.

Dann braucht es etwas anderes. Eine andere Art von Begegnung. Eine, die tiefer geht.

Das ist der Raum, in dem ich mit dem Fliegenpilz-Retreat arbeite. Nicht als Ersatz für alles andere. Sondern als Ergänzung — für die, die bereit sind.

Und meine Erfahrung ist: Wer diesen Schritt gegangen ist und ihn integriert hat, kehrt nicht als anderer Mensch zurück. Er kehrt als mehr er selbst zurück. Klarer. Echter. Freier.

In meiner Arbeit gibt es kein höheres Ziel als das.

 

RETREAT-INFORMATION:  Pierre Aurel bietet Fliegenpilz-Retreats in kleinen Gruppen in Bayern an. Aufnahme nur nach persönlichem Vorgespräch. Weitere Informationen unter www.pierreaurel.com/fliegenpilz-retreat

 

 
 
 

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