Ich habe 90 Tage lang jeden Morgen mit Breathwork begonnen
- 11. Mai
- 4 Min. Lesezeit
SELBSTEXPERIMENT | GESUNDHEIT & PERFORMANCE
Ich habe 90 Tage lang jeden Morgen mit Breathwork begonnen — hier ist, was wirklich passiert ist
PierreEin Coach testet seine eigene Methode — mit Schlafdaten, Herzratenmessungen und einem ehrlichen Bericht über die Tage, an denen er fast aufgehört hätte.
Von Pierre Aurel | High Performance Coach & Biohacking-Experte
Lesezeit: ca. 9 Minuten

Ich empfehle Breathwork seit Jahren. Ich erkläre es in meinen Coaching-Sessions, ich leite es in Retreats an, ich beschreibe die neurobiologischen Mechanismen dahinter. Ich glaube daran.
Und trotzdem hatte ich mir nie die Disziplin abverlangt, es wirklich konsequent — jeden einzelnen Morgen, ohne Ausnahme, über 90 Tage — in meinen eigenen Alltag zu integrieren.
Das hat mich irgendwann selbst gestört. Was ich anderen empfehle, sollte ich auch selbst vollständig gelebt haben. Also habe ich im Januar 2020 ein einfaches Experiment gestartet: 90 Tage Breathwork. Jeden Morgen. 15 Minuten. Dokumentiert mit Schlaf-Tracker, Herzratenvariabilitätsmessung (HRV) und einem täglichen kurzen Protokoll meines subjektiven Empfindens.
Dies ist ein ehrlicher Bericht — mit den Daten, den Überraschungen und den Tagen, an denen ich fast aufgehört hätte.
"Was ich anderen empfehle, sollte ich selbst vollständig gelebt haben. Also habe ich das Experiment an mir selbst gemacht."
Das Setup: Was ich gemessen habe und wie
Bevor ich anfing, habe ich zwei Wochen lang eine Baseline erhoben — meine durchschnittlichen Werte ohne jede Intervention:
HRV (Herzratenvariabilität): 44 ms — gemessen morgens nach dem Aufwachen mit einem Polar-Brustgurt. HRV ist einer der sensitivsten Indikatoren für die Qualität der Erholung und den Zustand des Nervensystems.
Schlafqualität: durchschnittlich 74/100 mit häufigen nächtlichen Wachphasen zwischen 2 und 4 Uhr morgens.
Subjektive Energie am Morgen: 5,5 von 10 im Schnitt. Ich bin kein Morgenmensch das war mir bewusst.
Die Breathwork-Session war jeden Morgen identisch: 5 Minuten kohärentes Atmen (5 Sekunden ein, 5 Sekunden aus), gefolgt von 10 Minuten einer erweiterten Atemtechnik mit verlängerter Ausatmung.
Eine Regel: Keine Ausnahmen. Kein "heute ist ein schlechter Tag". Kein "ich hol's morgen nach". 90 Tage. Jeden Morgen.
Die 13 Wochen — was wirklich passiert ist
WOCHE 1–2: "Das ist einfacher als gedacht."
Die ersten Tage verliefen überraschend reibungslos. Das Aufstehen war dasselbe wie immer — schwer. Aber die 15 Minuten Breathwork direkt danach hatten einen merkwürdigen Effekt: Ich war danach wacher, als ich es nach einem Kaffee normalerweise bin. Kein Kribbeln, kein Adrenalin — eher eine Art ruhige Klarheit. HRV in dieser Phase: kaum verändert, 45–47 ms.
WOCHE 3–4: "Ich hätte fast aufgehört."
Dann kam die erste echte Krise des Experiments. Eine stressreiche Projektphase, wenig Schlaf, zwei Reisen innerhalb einer Woche. Morgens um 6 Uhr auf einer Yogamatte sitzen und atmen, wenn man bis 1 Uhr gearbeitet hat — das fühlt sich nicht transformativ an. Es fühlt sich absurd an. Ich habe es trotzdem gemacht. Mechanisch, lustlos, kurz. Aber ich habe es gemacht.
WOCHE 5–7: "Etwas hat sich verschoben."
Irgendwo in dieser Phase passierte etwas, das ich im Nachhinein als den eigentlichen Wendepunkt bezeichnen würde. Ich bemerkte, dass ich in Gesprächen — auch in schwierigen — ruhiger blieb. Nicht ruhiger im Sinne von passiv, sondern ruhiger im Sinne von: Ich reagierte weniger reflexartig. Eine Pause zwischen Reiz und Antwort, die vorher nicht da war. Meine HRV: erstmals konstant über 50 ms.
WOCHE 8–10: "Die Daten bestätigen, was ich spüre."
Mein Schlaf-Score stieg im Schnitt auf 83/100. Die nächtlichen Wachphasen wurden seltener. Meine morgendliche Energie-Bewertung: 7,2 von 10 im Schnitt. Ich schlief nicht länger — ich schlief besser. Der Parasympathikus hatte, so meine Interpretation, gelernt, schneller in den Erholungsmodus zu schalten.
WOCHE 11–13: "Ich will nicht mehr aufhören."
Am Ende des Experiments hatte sich die Frage verändert. Am Anfang lautete sie: Schaffe ich es, 90 Tage durchzuhalten? Am Ende lautete sie: Warum würde ich damit aufhören wollen? Die Praxis war keine Pflicht mehr. Sie war Teil des Tages geworden — wie Zähneputzen, nur mit messbaren Auswirkungen auf mein Nervensystem.
Die Zahlen: Was die Messung zeigt
Am Ende der 90 Tage habe ich die Daten ausgewertet. Hier sind die Kernergebnisse im Vergleich zur Baseline:
HRV — HERZRATENVARIABILITÄT
44 ms → 61 ms
+38% — konsistente Verbesserung ab Woche 5
SCHLAFQUALITÄT
74 → 83
+12% — weniger Wachphasen, mehr Tiefschlaf
SUBJEKTIVE MORGENENERGIE
5,5 → 7,4 / 10
+35% — gemessen über tägliche Selbsteinschätzung
Was diese Zahlen nicht zeigen: die Qualität meiner Entscheidungen in stressreichen Momenten. Das lässt sich nicht in einer Zahl ausdrücken. Aber ich bin überzeugt, dass es die bedeutsamste Veränderung war.
"Ich schlief nicht länger — ich schlief besser. Und ich reagierte in schwierigen Momenten nicht langsamer, sondern bewusster."
Warum Breathwork funktioniert — und warum Disziplin allein nicht reicht
Breathwork ist kein Mystizismus. Der Mechanismus ist gut beschrieben: Kontrollierte Atemtechniken stimulieren den Vagusnerv und erhöhen den parasympathischen Tonus. Das Nervensystem verschiebt sich messbar in Richtung Erholung und Regulation.
Was viele unterschätzen: Breathwork ist keine Entspannungstechnik. Es ist ein Trainingsreiz — ein gezielter Impuls, der dem Nervensystem beibringt, schneller zwischen Anspannung und Erholung zu wechseln. Das ist genau die Fähigkeit, die unter chronischem Stress verloren geht.
Aber — und das ist entscheidend — 90 Tage haben mir gezeigt, dass Disziplin als alleinige Strategie nicht trägt. Was mich durch die schwachen Wochen gebracht hat, war kein Willensakt. Es war die schlichte Tatsache, dass die Praxis bereits Teil meiner Morgenroutine geworden war. Gewohnheit schlägt Motivation. Das gilt auch hier.
Wer Breathwork als einmaligen Kurs oder gelegentliche Übung betrachtet, wird begrenzte Ergebnisse sehen. Wer es als tägliche Hygienepraxis für das Nervensystem versteht — wie Bewegung oder Schlaf — wird langfristig andere Ergebnisse erzielen.
Was das für Sie bedeutet
Ich teile dieses Experiment nicht, weil ich möchte, dass Sie morgen früh dieselbe Routine starten. Ich teile es, weil ich nach 90 Tagen eigener Erfahrung eine Überzeugung habe, die über alle Coaching-Theorien hinausgeht: Diese Praxis verändert messbar, wie das Nervensystem auf Stress reagiert.
Für Führungskräfte und Unternehmer bedeutet das konkret: bessere Entscheidungsqualität in Drucksituationen, mehr emotionale Stabilität in Konflikten und eine schnellere Regeneration nach Belastungsphasen. Das sind keine weichen Soft-Skills. Das sind handfeste Wettbewerbsvorteile.
Die Einstiegshürde ist gering. 15 Minuten. Kein Equipment. Keine App notwendig. Nur die Bereitschaft, es wirklich täglich zu tun — auch an den Tagen, an denen man keine Lust hat.
Besonders an diesen Tagen.



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